Gründung der Hagelabwehr in der Steiermark und Einrichtung mit der Hagelabwehr betrauter Gremien:
Am 23.März 1955 kam es in Graz mit Unterstützung der Steiermärkischen Landwirtschaftskammer auf Drängen zahlreicher Obstbauern zur Gründung der Steirischen Hagelabwehr als Genossenschaft, der die Gemeinden des zu schützenden Gebietes als Mitglieder angehören.
In den ersten Jahren der Hagelabwehr gelang es in Wien eine „Kommission zum Studium der Hagelabwehr“ mit Sitz im Landwirtschaftsministerium einzurichten, der auch die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik angehörte. Um die Tätigkeit der Genossenschaft stärker in eine öffentliche Kontrolle einzubeziehen und um zusätzliche Impulse für die Erarbeitung besserer Einsatzbedingungen zu bekommen, wurde 1978 auf Landesebene, unserem Vorschlag entsprechend, das „Gremium zur Beratung von Abwehrmaßnahmen gegen Hagel“ ins Leben gerufen.
Diesem Gremium gehören Vertreter der Ämter der Steirischen und der Niederösterreichischen Landesregierungen, der Landwirtschaftskammern, der Zentralanstalt für Meteorologie in Wien, der Hagelversicherungsanstalt, sowie die beiden Hagelabwehrorganisationen Steirischen Hagelabwehrgenossenschaft und der Langenloiser Kulturenschutzverband an. Dieses Gremium und der mit der wissenschaftlichen Betreuung beauftragte Dr. Otto Svabik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik haben seither wertvolle Arbeit geleistet, wie z. B. das Hageltestplattenprogramm und den dazu im November 2004 erstellten 20-Jahresbericht über die Hagelabwehr in der Steiermark mit begleitender Untersuchung der ZAMG.
Angewandte Methoden der präventiven Hagelabwehr:
Ab dem Gründungsjahr 1955 führt die Steirische Hagelabwehrgenossenschaft präventive Hagelabwehr durch.
Das Prinzip der in der Steiermark angewandten präventiven Hagelabwehrmethode beruht darauf, dass in hagelträchtigen Gewitterzellen zu den natürlich vorhandenen Kondensationskernen zusätzlich eiskeimfähige Verbindungen (in diesem Fall Silberjodid, AgJ) eingebracht werden, mit dem Ziel, die vermehrte Ausbildung kleinerer Hagelkörner zu erreichen. Im günstigsten Fall schmelzen kleine Hagelkörner und treffen am Boden als schwere Tropfen auf, bzw. weisen "AgJ - Hagelkörner" eine weichere, schneematschartige Struktur auf. Dadurch wird eine Abnahme der Hagelhäufigkeit, bzw. eine geringere Häufigkeit des Auftretens großer, Schaden bringender Schlossen erwartet.
Zur Gründungszeit der Steirischen Hagelabwehrgenossenschaft wurde bereits weltweit auf dieser Basis experimentiert und geforscht.
Zur Freisetzung von Silberjodid boten sich 3 Methoden an, die Wirksubstanz Silberjodid in die für die Hagelbildung entscheidende Gewitterwolkenzone einzubringen und zwar mit Hilfe von Raketen, mit Bodengeneratoren oder mit Flugzeugen, ausgerüstet mit Generatoren oder pyrotechnischen Kartuschen. In allen Fällen wird eine Acetonlösung mit 6 Prozent AgJ - Gehalt verbrannt.
In den Anfangsjahren wurde die Hagelabwehr mit teilweise aus Bundesmitteln angeschafften Raketen durchgeführt. Bis zum Jahr 1986 wurde die Hagelabwehr jedoch überwiegend mit auf exponierten Geländepunkten fixen Bodengeneratoren ausgeübt. Die Betreuer der Generatoren - alle befanden sich innerhalb des Schutzgebietes - wurden mit Mitteilungen über den regionalen Rundfunk über den Beginn des "Brennerbetriebes" informiert (= Aktivieren der Bodengeneratoren, Ausbringen von Silberjodid, zumeist ein bis zwei Stunden vor dem erwarteten Beginn der Gewittertätigkeit). Zugehörige Prognosen lieferte der Wetterdienst des damaligen Bundesamtes für Zivilluftfahrt auf dem Flughafen Graz- Thalerhof.
Ab dem Jahre 1987 wurden die präventiven Hagelabwehr-Einsätze zur Gänze auf „Flugzeugbetrieb“ umgestellt, das ist das Ausbringen von AgJ mittels an Flugzeugen angebrachten Generatoren an der Basis im Aufwindbereich gefährlich erscheinender Gewitterwolken. Nach den extremen Hagelschlägen 1982 und 1984 folgte damit die Steirische Hagelabwehrgenossenschaft der in Niederösterreich seit 1979 praktizierten Hagelabwehrmethode (Kulturenschutz für Langenlois und Umgebung).
Ablauf der operativen Tätigkeit:
Die Einsatzleitung wurde am Flugplatz Unterfladnitz bei Weiz, ca. 20 km nordöstlich von Graz eingerichtet.
Das Einsatzgebiet zur Hagelvorbeugung umfasst bis heute rund 2300 Quadratkilometer im Vorfeld des Schutzgebietes, mit dem Schwerpunkt bei den nordwestlich und südwestlich vorgelagerten alpinen Regionen Fischbacher Alpe, Gleinalpe und Grazer Bergland und entlang des nördlichen Teiles der Koralpe.
Mit der Angabe der Wetterlage und Prognose seitens des Flugwetterdienstes am Flughafen Graz- Thalerhof erfolgten zusätzlich die Angaben des Windes im 850 hPa- und im 500 hPa-Niveau, der Höhe der 0 Grad-Zone, der berechneten Auslösetemperatur, der Gewitter- und Hagelwahrscheinlichkeit.
Weiter meldeten 15, an exponierten Stellen eingerichtete Bodenstationen an die Einsatzleitung ihre Beobachtungen, wie Einsetzen der Konvektion und Zugrichtung der Gewitterzellen.
Jeder Einsatz wurde mit einem „Seeding-Report“ dokumentiert und enthält: die Einsatzentscheidung der Leitung, mit Start- und Landezeiten der eingesetzten Flugzeuge, die ausgebrachte AgJ - Menge, das Einsatzgebiet, d. i. eine Angabe der überflogenen Regionen in 30 Minuten-Schritten mit den jeweilig registrierten Aufwindstärken und der Höhe der Wolkenbasis, der Temperatur in Flughöhe und der Zugrichtung der beimpften Gewitterzellen. Anhand der „Seeding-Reporte“ können die am häufigsten beflogenen Regionen, und damit auch die Schwerpunkte der Gewittertätigkeit in Abhängigkeit von der Wetterlage abgeleitet werden.
Weiters standen der Steirischen Hagelabwehrgenossenschaft zur Auswertung Hagelmeldungen von 364 Gemeinden (innerhalb und außerhalb des Schutzgebietes) zur Verfügung. Diese Meldungen deckten das 6850 qkm große Einzugsgebiet des Wetterradars am Zirbitzkogel (in 2400 m Seehöhe, 70 km westlich von Graz) ab.
Anhand aller angeführten Gewitter- und Hageldaten wurde in Arbeiten der Steirischen Hagelabwehrgenossenschaft der Witterungsverlauf, nicht nur im Schutzgebiet, sondern auch in der gesamten südöstlichen Steiermark tabellarisch und graphisch dargestellt.
Ab dem Jahre 1992 wurden Gewitterzellen mit Hilfe der Registrierungen des Wetterradarverbundes des Bundesamtes für Zivilluftfahrt, auf 4x4 km genau lokalisiert, mit der Angabe der Radarechointensitäten, der Höhe der einzelnen Echos und der Höhe der Tops. Die zur Verfügung gestellten Wetterradardaten zeigten jedoch die Wolkenentwicklungen mit einer "Verspätung" von 10 bis 15 Minuten, wodurch eine rechtzeitige Erfassung einer Hagelgefahr erschwert wurde.
Im Jahr 2000 beschloss die Steirische Hagelabwehrgenossenschaft daher den Ankauf eines eigenen Wetterradars. Dieses Wetterradar wurde mit großzügiger Förderung der Steiermärkischen Landesregierung auf der Reicherhöhe bei Übelbach errichtet und versorgt die Einsatzleitung seit 2004 mit Online-Informationen.
In dankenswerter Weise wurde die Steirische Hagelabwehrgenossenschaft sowohl vom Bundesamt für Zivilluftfahrt, nunmehr der Austro-Control, als auch von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik und von der TU Graz tatkräftig beraten und unterstützt.
Hageltestplattenprogramm und wissenschaftliche Untersuchungen:
Das von Herrn Dr. Svabik erarbeitete Hageltestplattenprogramm lief 1982 an. Dazu wurde im Jahre 1981 die ZAMG mit der Leitung des Hageltestplattenprojektes in der Steiermark beauftragt. Die Hageltätigkeit wurde in einem rund 730 km² großen Schutzgebiet mit Hilfe eines Bodenmessnetzes, das sind insgesamt 181 Hageltestplatten- Stationen, registriert; im Kern des Schutzgebietes stehen 115 Messstellen (aufgestellt im Jahr 1981). Die getroffenen Platten wurden seither ständig an der ZAMG in Wien ausgewertet.
Das HTP- Netz wurde 1981 im Schutzgebiet "Weiz - Gleisdorf", STK, errichtet und umfasste vor seinem weiteren Ausbau 116 Messstellen (mit einer Sonderstation beim "Haus des Apfels"). Es erstreckt sich westlich des zentral gelegenen Raabtales, über das Rabnitztal hinaus bis nahe an den Nordostrand der Landeshauptstadt Graz, und östlich bis zum Feistritztal; als östlichste Gemeinde wäre Großhartmannsdorf anzugeben. Der südwestliche Rand entspricht der Linie Studenzen - Laßnitzhöhe, der nördliche der Linie Weiz - Stubenberg. Das Schutzgebiet weist am Beginn des HTP- Projektes eine Fläche von rund 500 km² auf, nach seinem Ausbau nach Norden und nach Westen hin ab dem Jahr 1987 rund 730 km². Mit dem Ausbau sollten auch Hagelregistrierungen aus dem unmittelbaren Vorfeld des Hagelschutzgebietes gewonnen werden.
Dieses Hageltestplattenprogramm liefert die Basis für wissenschaftlich fundierte Auswertungen der jährlich durchgeführten Hagelabwehrmaßnahmen.
Im November 2004 erstattete nunmehr Herr Dr. Svabik, den unter dem eigenen Abschnitt „Wissenschaftliche Tätigkeiten“ näher dargestellten 20-Jahresbericht über die Hagelabwehr in der Steiermark mit begleitender Untersuchung der ZAMG für den Untersuchungszeitraum 1982 bis 2001.
Diese wissenschaftliche Arbeit beweist, dass sich in den letzten beiden Jahrzehnten auf Grund der Tätigkeit der Steirischen Hagelabwehrgenossenschaft die durchschnittlichen Hagelkornspektren wesentlich dahingehend verändert haben, dass die kleinen Kornklassen stark zugenommen und die größten Korngrößen stark abgenommen haben. Bei der Anzahl der Hageltage ergab sich eine Abnahme von 16 Tagen auf 12 Tage. Die erfreulichste Feststellung ist jedoch, dass die bei einem Hagelereignis durchschnittlich verhagelte Fläche von 34 auf 16 Quadratkilometer abgenommen hat. Die durchaus positiven Auswertungsergebnisse weisen einen deutlichen Rückgang der Verhagelung der Region Graz - Weiz in den letzten beiden Jahrzehnten nach.
Dies signalisiert, dass die Steirische Hagelabwehrgenossenschaft auf dem richtigen Weg ist.